Gedeihen durch achtsame Wirtschaft

Das Netzwerk „Achtsame Wirtschaft“ mit einem Seminartag in Köln!
Thema: Achtsame Kommunikation am Arbeitsplatz und zu Hause

Das Netzwerk

„Achtsame Wirtschaft“ – welch eine augenfällige Kombination – als wäre es eine diametrale Gegensätzlichkeit, die heutzutage beinahe schon unvereinbar anmutet.

Auf der Website des Netzwerks steht eine Passage, die mich sofort berührt hat:
„Im Netzwerk treffen sich Menschen, die nach sinnvollen Alternativen zum heutigen Wirtschaftssystem suchen, sich für Themen wie Achtsamkeit in der Arbeit, beim Konsum und im Umgang mit Geld interessieren und in ökonomische Zusammenhänge wirken. Heute existieren Regional- und Initiativgruppen des Netzwerks in zwanzig Städten.“

Mich hat neugierig gemacht, welch ein Mensch wohl dahinter steckt, der solch eine Bewegung in der heutigen Zeit initiiert und wie er zu diesem Punkt gekommen sein mag.

 

Der Gründer

Seine berufliche Vita liest sich zunächst wie ein glanzvolles Erfolgsmärchen:

Mit Eifer ein herausragendes Abitur hingelegt. Nach der kaufmännischen Ausbildung im Axel-Springer-Verlag das BWL-Studium in Hamburg und St. Gallen hervorragend absolviert. Direkt im Anschluss die Promotion zum Wissensmanagement in Genf abgelegt. Währenddessen noch Praktika bei McKinsey&Company und Roland Berger, als auch Einsätze in der Studentenorganisation AIESEC und den Hamburgern Wirtschaftsjunioren. Mit 30 Jahren einen Management-Bestseller geschrieben und einen ökonomischen Forschungspreis gewonnen. Dann schnellte er die Leiter als Berater bei McKinsey&Company empor. Viele anerkennende Schulterklopfer und viele antreibende Lobeshymnen säumten den Weg.

Das war der eingeschlagene Weg von Dr. Kai Romhardt. Doch die euphorischen Momente verdunsteten jedes Mal schneller. Statt einer angenehmen inneren Zufriedenheit, spürte er nur wieder einen neuen Berg vor sich, der bezwungen werden sollte. Nach jeder bestandenen Prüfung folgten eine innere Leere und eine steitg wachsende Müdigkeit.

 

Wie kam es zur Abkehr der gewählten Karriere?

Es war das innere hohle Gefühl:. Die verheißungsvollen Ziele wurden erreicht, aber die erleichternde Freude währte immer wieder nur kurz. Auch der beeindruckende Wohlstand und die maximalen Optionen führten zu keinem echten Glücksgefühl. Wiederkehrende Anstrengung, wachsende Sinnlosigkeit und anhaltende Quälgeister führten eines Tages dazu, dass sein Körper und Geist nicht mehr mitspielten, so leitet Kai Romhardt es her. In dieser Sinnkrise hinterfragte er alles, woran er bis dahin geglaubt hatte. Er nahm sich eine Auszeit, um genau dem nachzuspüren, was für ihn ein wirklich sinnvolles Leben und eine wahre Motivation ist.

Dazu zog er sich für insgesamt 2 Jahre in verschiedene buddhistische Übungszentren zurück. Unter anderem auch für viele Monate in Plum Village unter Leitung des Zen-Meisters Thich Nhat Hanh.

 

Der Wandel

Ihm wurde bewusst, dass er das ihm inzwischen absolut vertraute Konkurrenzdenken ablegen, sich aus den Stricken falscher Versprechungen befreien und das Verfolgen ungesunder Wachstumsziele beenden wollte. Sein inigster Wunsch war es, eine Wirtschaft mitzugestalten, die dem Leben dient und sinnvolle Entwicklungen fördert –  für Mensch und Planet.

Seine Haltung als junger Mensch bezeichnet er heute als stark konditioniert. Kai Romhardt erkannte erlebnisreich, dass es die Gedanken sind, die uns prägen und unser inneres Programm ausmachen, dem wir folgen. An was glauben wir? Wonach streben wir dadurch? Wie wird es uns in jungen Jahren bereits vermittelt? Welche Bilder werden in uns gepflanzt? Wie setzt sich diese Beeinflussung weiter fort? Welche Irrwege lösen die derzeitige wachstumsorientierte Wirtschaft und der eiserne Wettbewerb aus?

Kai Romhardts größte Erkenntnis teilt er mit der weiten Welt und heute mit uns:

es sind unsere Gedanken, die es ausmachen, wie wir uns selbst und die Dinge wahrnehmen, beurteilen und gestalten. Sie sind der Auslöser für alles. Daher gilt es achtsam zu denken, zu gestalten, zu leben und zu wirtschaften.  Dies beschreibt er ausführlich in seinem Buch „Wir sind die Wirtschaft“, ein Plädoyer für die Chance und auch die Verantwortung der eigenen Einflussnahme auf die Wirtschaft. Hier findet sich auch der so genannte Finanztest, den ich von S.H. Dalai Lama aus einem anderen Kontext auch kenne.

Romhardt gründete 2004 das Netzwerk „Achtsame Wirtschaft“ und gibt Achtsamkeitsseminare an Universitäten, Instituten und Unternehmen. Nun besuche ich sein Tagesseminar in Köln.

 

Inhalte Tagesseminar Köln

Der heutige Tag dreht sich um die spannenden Fragen:

WIE kommuniziere ich achtsam?
und
WAS hilft mir Achtsamkeit in meinem Job?

Neben einigen kurzen Vorträgen von Kai Romhardt  wird das vermittelte Wissen vor allen Dingen beeindruckend erlebt. Wir Teilnehmenden sitzen zusammen mit ihm im Kreis auf Sitzkissen. Immer wieder gibt es auch kleine Gruppenübungen und stetig wiederkehrende Momente des Innehaltens. Allgemein wird sich in Stille bewegt. Auch in den Pausen.

Es sind Menschen mit unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen anwesend. Die Palette reicht vom Unternehmensleiter über Coach bis hin zur kaufmännischen Angestellten. Was alle im Raum bewegt ist die Neugier, wie die Übungen wirken. Es gibt Metaphern, Richtlinien, Zitate, die eine wertschätzende, innere Haltung stimuliert. Wir lernen verschiedene Formate kennen und erleben, wie den Emotions-Check, den Kommunikations-Check, wir erfahren, was das tiefe Zuhören ist und führen die Regel „A-L-I“ ein (atmen, lächeln, innehalten).

Vor allem aber sind 2 Grundregeln noch sehr ungewohnt:

Einmal das Anschlagen der Glocke, denn damit hat das einfach drauf lossprechen hier heute keine Chance. Die Glocke stimmt ein und erinnert einen jeden, bevor er spricht daran, was er/sie in die Welt geben will und auf welche Art. Dazu gibt es 5 spannende Aspekte zu berücksichtigen.

Und dann gibt es die Geste, die man dem/den Gegenüber/n als Wertschätzung zeigt, bevor man das Wort an sie richtet und ebenso dann, wenn man fertig gesprochen hat. Diese verneigende Geste mit den vor der Brust zusammengeführten Händen mutet einerseits für viele noch fremd an und gleichzeitig löst es ein hohes Maß an Respekt und Achtung untereinander aus.

Das Innehalten und Verneigen mag sich noch hölzern anfühlen, aber die Wirkung ist erstaunlich:
man wählt bewusster die Formulierung, kommt besser auf den Punkt und vor allem:
die Anderen hören dadurch viel intensiver zu.

 

Resonanz

In Kleingruppen wird immer wieder Bilanz gezogen. Es wird spürbar deutlich, wie sehr die anwesenden Berufstätigen durch diese achtsame Haltung die menschlichen Grundwerte im Businesskontext in den Fokus rücken. Man nimmt sich selbst wieder anders wahr, man gewinnt einen anderen Blick auf die Kollegen, man spürt den Mut sich zu seinen Werten wieder zu bekennen.

Gleichzeitig schwingt auch die Angst mit, dass man am Arbeitsplatz nicht aus der Reihe fallen sollte und auch nicht auffallen will. Die Sorge um die beliebige Austauschbarkeit der eigenen Person, wie auch die empfundene Aussichtslosigkeit auf einen tatsächlich menschlich geführten neuen Arbeitsplatz, rufen Zweifel aufs Tablett. Schließlich gilt es eine Familie zu ernähren, Schulden zu bezahlen oder einen Lebensstandard zu erhalten.

Der allgemeine Tenor bringt jedoch jenen Aspekt zum Vorschein, den alle am meisten berührt: Wir Menschen wollen sinnvolle Arbeit tun! Nicht nur Zahlen erfüllen bei einem ständig wachsenden Druck. Sinnvoll für einen selbst, sinnvoll im Miteinander und sinnvoll für diese Erde.

 

Fazit

Selbst wenn manch eine Grundregel heute ungewohnt war, letztlich haben sie jeden im Raum an jene Qualitäten erinnert, die für einen selbst Sinn und Richtung, Wert und Beitrag als arbeitenden Menschen ausmachen.

Das gemeinsame Ansinnen und Teilen von ähnlichen Werten und Haltung hat am Ende des Tages zu erleichterndem Trost, Stärkung und beschwingtem Mut geführt, es zu wagen:
Zu wagen, sich am Arbeitsplatz eigene Regeln einzurichten, um diese wertschätzende Haltung lebendig zu erhalten. Jeder auf seine Art. Ein Innehalten ohne Glocke, eine innere Verneigung ohne äußerliche Bewegung, eine achtsame Wortwahl ohne Anweisung.

Es komen Ideen auf, statt nur Raucherpausen auch Stillepausen einzuführen, statt andere aus dem Team zu belehren eher mit der eigenen Präsenz anzustecken, statt neue Grundregeln zu verordnen möglicherweise als Kollegium einen „Achtsame Wirtschaft“-Tag einzulegen und als Team gemeinsam neue Rituale zu gestalten.

Mit diesen Impulsen will nun die wertschätzende Haltung zueinander, zur Arbeit, zum Auftrag des Unternehmens, zur Natur und unserem Planeten auch im beruflichen Alltag mit den Kollegen/innen vor Ort eingeführt und fortgesetzt werden.

Ein eindrückliches Beispiel, wie so eine Einführung in einem Unternehmen aussehen könnte, zeigt das Beispiel des Mindful Deep Work Day (MDWD) bei der Detecon International in Köln.

Dann auf! So schwer kann es doch nicht sein, ein wenig achtsamer und bewusster Arbeit zu gestalten, liebes Team und Leadership!