Gedeihen in Bildung durch Augenhöhe-Barcamp

Ein Barcamp von Augenhöhe in Köln!

Und das noch zu einem Thema, das dringend Bedarf an Überholung hat: Bildung.

Eingeladen sind alle Beteiligten aus dem Schulsystem, sprich Menschen aus den Lehrerkollegien, der Schülerschaft und Eltern, aus dem Bereich Ausbildung und  Studium und aus dem pädagogischen sowie bildungsbezogenen Bereich in Wirtschaft und Soziales.

Gastgeber ist die Detecon International in Köln, die sich durch Einsatz eines innovativen Teams immer mehr ganzheitlichen Themen öffnet. So haben sie auch schon einen so genannten Mindfulness Deep Work Day MDWD veranstaltet. Sie organisiert den Event und stellt dafür ihre offenen, bunt-kreativen Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Team von Augenhöhe und einige engagierte Mitarbeiter/innen der Detecon führen durch die offene Tagung.

 

Der verspielte Rahmen mit Sinn und Richtung

Vor dem offiziellen Auftakt des Programms kommen an dem hellen sonnigen Morgen mit weitem Blick über Köln die Teilnehmer/innen in dem Kreativraum direkt in Kontakt. Ein jeder wird ermuntert, sich ein Namensschild zu basteln, mit Schild und Wollseil zum Umhängen. Es macht sofort einen verspielten Eindruck und es herrscht von Anfang an eine entspannte Stimmung. Auf dem Schild soll der eigene Name stehen, weshalb man dabei ist und was man als Beitrag/Wissen/Geschenk an diesem Tag mit den Anderen teilen mag. Diese Auskunft verleitet dazu einander neugierige Fragen zu stellen, was sich hinter gewissen Themen oder Titeln auf dem Schild genauer verbirgt.

Daniel Trebien und Silke Luinstra, Gründer der Bewegung von Augenhöhe, halten wie heitere Hüter wohlwollend und begeistert den Verlauf im Auge.

Der Raum ist offen gestaltet mit willkürlich verteilten, bunten Sitzsäcken und weichen Würfeln als Sitzplätze. Es gibt Flipcharts und Pinnwände, bunte Stifte und eine Liste verschiedener Namen jener Räumlichkeiten, wo heute dann die verschiedenen Themen bzw. Beiträge als kleiner Workshop vorgetragen werden können. Dieses Mal sind die Namen angelehnt an Spielfilme mit schulischem Hintergrund, wie z.B. „Das fliegende Klassenzimmer“ oder „Hogwarts“ oder „School of Rock“.  Eine kurze Anmoderation vermittelt Tagesablauf und gewisse Grundregeln für den Tag.

 

Die Grundregeln eines Augenhöhecamps

Grundsätzlich folgen die Barcamps von Augenhöhe konkreten Regeln, die Raum geben für die Gestaltung der Tagung durch Mitwirkung aller Anwesenden. Dabei gilt es gewisse Aspekte für die Workshops zu berücksichtigen.

Der sogenannte „Open Space“ gibt vier Prinzipien vor, die eher Beobachtungen sind, wie die Welt sich zeigt:

  1. wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute – einer oder fünf ist egal, und jeder ist wichtig und motiviert
  2. was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte – Ungeplantes und Unerwartetes ist oft kreativ und nützlich
  3. es beginnt, wenn die Zeit reif ist – wichtig ist die Energie (nicht die Pünktlichkeit)
  4. vorbei ist vorbei – nicht vorbei ist nicht vorbei – wenn die Energie zu Ende ist, ist die Zeit um

Sie ergeben sich aus dem Gesetz der zwei Füße:

Das Gesetz der zwei Füße ist Ausdruck der Freiheit und Selbstverantwortung: Der Teilnehmer bleibt nur so lange in einer Gruppe, wie er es für sinnvoll erachtet, also solange er etwas lernen und/oder beitragen kann.

Hummeln und Schmetterlinge

Wenn Menschen das Gesetz der zwei Füße anwenden, zeigen sie manchmal Verhaltensweisen, die metaphorisch mit den Begriffen „Hummeln“ und „Schmetterlingen“ ausgedrückt werden: „Hummeln“ bewegen sich von Workshop zu Workshop wie Hummeln von Blüte zu Blüte und befruchten die Workshops wechselseitig. „Schmetterlinge“ sind Anziehungspunkte für Andere.

Stellenweise werden in Open-Space-Konferenzen auch andere metaphorische Begriffe verwendet, z. B. „Gesetz der Anziehungskräfte“, „Kometen“ und „Meteore“, „Kometen“ ziehen ihre Bahnen über mehreren Gruppen und verbinden so die Gedanken aller. „Meteore“ können plötzlich aufrauchen und dabei ihre Ideen wie Leuchtspuren am Himmel hinterlassen.

 

Die Anwesenden koordinieren die Tagung

Ungefähr 70 Menschen unterschiedlichen Alters und Berufsgruppe sind im Raum verteilt und beginnen zunächst sich mehrfach in Vierergruppen für eine kleine Gesprächsrunde von 5 Minuten zusammenzufinden und die mitgebrachten Themen kennenzulernen. Hier kann ein erster Eindruck gewonnen werden, wie sich Interesse und Bedarf an den Themen verteilen. Der Reihe nach stellen sich dann die für interessant befundenen Themenanbieter/innen für je 1 Minute vor. Dabei wird gemeinsam der zeitliche wie organisatorische Ablauf erstellt. Dazu dient eine vorbereitete Übersicht der Räumlichkeiten mit den dazugehörigen Zeitfenstern für den Morgen und den Nachmittag. Schnell ist der Tagungsplan konstruiert.

Dann geht es auch schon los. Es finden immer mehrere Workshops gleichzeitig statt. Jetzt wird erlebbar, was vorher zu dem Hummel- und Schmetterlingsverhalten gesagt wurde. Wer nun glaubt, dass es ein reges Chaos gibt, der hat sich getäuscht. Ruhig wechseln manche den Raum und verweilen unterschiedlich lang. Meist bleibt die Mehrheit, die sich zu einem Thema zusammen gefunden hat, vor Ort. Dem jeweiligen Workshopleiter ist es überlassen, in welcher Form er sein Thema vorstellt und ob es noch Frage- und Antwortrunden gibt.

 

Die Topics

Bildung ist ein breites Feld und so zeigen sich auch unterschiedlichste Angebote: „Kompetenzen der Zukunft“ oder „Anders lernen“ oder „Bildung fängt nicht erst in der Schule an“ oder „Neue Schulen brauchen neues Denken“ bis hin zu „Instant Digitilization“ oder „Working Out Loud“ oder auch „Glück“.

Es beginnt ein intensiver, erlebnisreicher Tag mit vielen Eindrücken und Gesprächen.

Visionskompass

Es war nicht meine Absicht hier heute aktiv einen Beitrag anzubieten, aber als ich über meine Arbeit erzählte und den Visionskompass erwähnte, baten viele darum es als Thema vorzustellen. Und so hielt ich spontan einen Workshop über junge Menschen auf der Suche nach dem, was sie ausmacht, wohin es gehen soll und wie der Visionskompass hier eine hilfreiche Orientierung bietet. Eltern wie Lehrer und Trainer sind gekommen und ihre Eindrücke aus der jeweiligen Rolle und Perspektive zu den heutigen jungen Menschen beschreibt einen eindrücklichen Tenor:

es gibt viele Schüler/innen, die sehr gut gelernt haben, sich Wissen anzueignen, es vorzuweisen und wieder zu vergessen. Sie bedienen das Leistungssystem, ohne von sich selbst zu wissen, was sie wirklich interessie, ohne zu spüren, was sie wirklich ausmacht. Sie tauchen vermehrt in die online-Welt ab, in der sie Ausgleich, Spaß oder Vergessen finden. Und selbst jene, die von sich sagen können, was sie interessiert oder welches ihre Gaben sind, schauen verunsichert und auch abgeneigt auf die Berufe der Eltern oder der Bekannten. Warum? Sie sehen, wie sie unter Druck zu stehen scheinen und haben Sorge einmal selbst vielleicht verheizt zu werden bei dem, was sie eigentlich lieben zu tun. Unsere Schlupflicht auf das herrschende Schulsystem mangels adäquater Alternativen verhindern ein solch begeistertes Lernen, wie André Stern es immer wieder postuliert, der selbst nie zur Schule gegangen ist.

In der Abschlussrunde werden bereichernde Impulse ausgetauscht und Vernetzungen geknüpft, wie man diesen jungen Menschen andere Beispiele, andere Plattformen und Arbeitsmöglichkeiten zur Inspiration vermitteln kann.

 

Am Ende des Tages

Vier Durchläufe mit je 5 Workshops und schon ist es beinahe Abend. Viele stecken hier und da die Köpfe zusammen und kreieren gemeinsame Projekte und inspirieren sich fach- und branchenübergreifend. Zum Abschluss sammeln wir uns alle noch einmal und es werden die wesentlichen Ergebnisse der jeweiligen Workshops dem gesamten Plenum esssenzartig in 1 Minute mitgeteilt. So gewinnen auch jene einen kleinen Eindruck davon, die in einem anderen Workshop gesessen haben. Bei der Beschwingtheit, der im Raum deutlich zu spüren ist, fällt es den Vortragenden schwer, die kurze Minute nicht zu überschreiten.

Die kreative, offene und selbstbestimmte Art, die jedem hier zuteil war, ist ungewohnt für all jene, die klassisch durchstrukturierte Zeitabläufe anderer Veranstaltungen gewohnt sind. Die Tatsache, dass manch ein Vortragender seinen Workshop nicht pünktlich laut Zeitplan hat beginnen können, weil der vorherige Workshop ganz im Sinne der Grundregel „vorbei ist vorbei – nicht vorbei ist nicht vorbei“ noch in voller Energie lief, löste bei manch einem eine neue Haltung gegenüber Kooperation aus. Die heitere und spielerische Art wie Daniel oder Silke von Augenhöhe damit umgingen hat für Impulse zu einem neuen Denken gesorgt. Hier liegt die Selbstverantwortung für Gleichberechtigung bei den Menschen untereinander und nicht bei einer übergeordneten Autorität. Gleichzeitig zeigt dieses Format anhand der aufkommenden Energie und Staus auch deutlich auf, wo der meiste Bedarf und das größte Interesse zu diesem Zeitpunkt zu Bildung herrschen. Spannendes Feld.

Begeistert und dankbar werden das Team von Augenhöhe und der Detecon verabschiedet. Das gesellige Beisammensein bei kulinarischen kleinen Köstlichkeiten ermöglicht letzte Kontakte und Austausch.

 

Fazit:

Die Geduld darauf zu warten, dass sich Gesetze und Statuten von Dezernatsseite ändern, ist erschöpft. Die Ärmel sind hochgekrempelt, man nimmt es nun beherzt mit eigenen Mitteln selbst in die Hand. Insbesondere die bisherige Bewertung von Einzelleistung in Konkurrenz zu Anderen, wie es schon mehrfach von Prof. Gerald Hüther bemängelt wurde, gilt es zu verändern. Es war solch eine Freude zu sehen, dass so viele Menschen von verschiedenen Winkeln aus in dieselbe Richtung schauen und einen ähnlichen Ruf verspüren. Allein diese gemeinsame Kraft zu erleben war ein beflügelndes und motivierendes Erlebnis.

Auch wenn die Mühlen des staatlichen Schulsystems extrem langsam, bisweilen gefühlt sogar rückwärts mahlen, so haben sich hier konkret neue Projekt ergeben und fachübergreifende Vernetzungen entwickelt. Und es gibt bereits staatliche Schulen, die trotz und mit den Vorgaben anders Schule machen.

Ich freue mich schon sehr auf den neuen Film von Augenhöhe, der da heißen wird:

AugenhöhemachtSchule